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Heiße Liebe in Schwarz nach enttäuschter Beziehung

Es gab schon einige in meinem Leben. Kantige, Zickige, Schmiegsame, Unauffällige, Laute, Professionelle und welche mehr zum Spielen, denn zum ernsthaften Arbeiten. Ich rede hier von Fotoapparaten – und wer schon einmal ernsthaft über einen längeren Zeitraum fotografiert hat, wird mir womöglich zustimmen, dass sich zwischen dem Apparat und dem fotografierenden Menschen mit der Zeit eine gewisse (haptische) Beziehung aufbaut.

Mich hat es im vergangenen Sommer schwer erwischt. Brennende Leidenschaft, große Liebe, nach vielen müden Kompromissen. Inzwischen verstehe ich den Enthusiasmus der Leicafans. Es ist wohl diese Kombination aus Wertigkeit und Reduktion auf das Wesentliche: Eine Maschine zum Bilder festhalten, ohne Kompromisse und Schnickschnack, mit sündteuren, aber auch sehr guten Optiken. Doch bei mir ist es die Ricoh, die mich zum Fanboy machte.

Ricoh GR II mit Streichholzschachtel im Vergleich daneben
Klein, schwarz, schnell. Keine Leica, aber trotzdem toll - die Ricoh GR II (fotografiert mit der Samsung EX1). Understatement pur, keine überflüssigen Schnörkel, Topleistung in einem winzigen Gehäuse Das Objektiv (aka "die Linse") verschwindet bei Nichtgebrauch im Kamerabody".)

Von der Samsung EX1 zur Ricoh GR II

Müde von den Unzulänglichkeiten meiner Samsung EX1, machte ich mich auf die Suche nach Ersatz für diese eigentlich recht schöne Edel-Kompakte. Es sind die kleinen Macken, die mir die Freude an der Kamera verleideten. So lässt sich der Programmwähler nicht arretieren und verstellt sich deshalb ständig fast von alleine. Das gibt dann so nette Situtionen, dass man eine interessante Schnappschusssituation sieht, abdrückt... und nichts passiert. Weil das Mistding auf einmal auf Zeitauslöser steht.

"Reparatur" ohne Reparatur

Mit solchen Problemen kann ich mich noch abfinden, nicht aber mit dem kaputten Blendenwählrad (Neudeutsch: Jog Dial). Noch in der Garantiezeit ließ sich die Blende auf einmal nicht mehr sauber einstellen, sondern sprang unkontrolliert auf irgendwelche Werte. Ich schickte die Kamera an den Vertragsservice von Samsung. Doch statt einer reparierten EX1 erhielt ich die Nachricht, die Kamera habe einen "Sturzschaden" (die Kamera war nie heruntergefallen...), das sei nicht  von der Garantie gedeckt. Ätschbätsch. Ich hatte damit die Wahl, das Geld für den Kostenvoranschlag abzuschreiben und die EX1 unrepariert zurückzuerhalten, oder die Reparatur selbst zu bezahlen. Ich entschied mich für letzteres und bekam nach ca. 3 Wochen die Kamera zurück, Kostenpunkt fast 90 Euro - eigentlich ein sehr günstiger Preis für eine Reparatur mit Ersatzteilen für die Objektiveinheit.

Samsung EX1 mit Zubehör
Also noch alles gut war...

Wenn die Kamera denn wieder funktioniert hätte. Tat sie aber nicht; der Fehler war unverändert vorhanden. Ich hatte also rund 90 Euro für nichts bezahlt. Auf die Reklamation verzichtete ich mit Blick auf meine Beweispflicht. Wie hätte ich nachweisen können, dass der Defekt noch der gleiche und kein neuerlicher "Sturzschaden" aufgetreten war? Geht nicht. Seitdem nutze ich die Kamera ohne Blendenvorwahl, klar ist aber auch: Das war mein letztes Gerät aus dem Hause Samsung.

Auf der Suche nach einem Ersatz

    Für die halbkaputte Samsung EX1 musste also Ersatz her. Denn zusätzlich zu meiner DSLR wollte ich unbedingt eine kleine, schnelle Kamera, die auch in die Umhängetasche und notfalls in die Jacke passt.

    Kurze Zeit liebäugelte ich mit der Fujifilm X-100. Lichtstarkes Objektiv – eine schöne Festbrennweite, schnell, handlich. Aber ich mag diesen Retrostyle nicht; ich finde Dinge sollten nach dem Jahrzehnt aussehen, in dem sie designed wurden. 

    Dann sah ich sie und musste sie haben

    Dann fand ich die Ricoh. Eigentlich fand sie mich. Auf Instagram folgte ich einer Straßenfotografin, deren schmutzige, harte Schwarzweißfotos mich sehr begeisterten. Ich hätte bei den Fotos auf eine Leica oder eine Fuji X100 getippt, im Profil gab es keinen Hinweis auf die Kamera. Und dann postete die Fotografin ein Spiegel-Selfie und deutlich war das weiße "GR" auf der winzigen Kamera zu sehen.

    Nach einigem Googeln und der Lektüre enthusiasmierter Erfahrungsberichte blieb mir nichts anderes übrig, als umgehend zum Fotodealer meines Vertrauens zu fahren und zu sagen: "Ich hätte gern die Ricoh GR II". Leider war sie im Sommer 2016 erstmal nicht lieferbar ("Der Chiphersteller Sony hat Lieferschwierigkeiten wegen des Erdbebens ins Japan!"), aber nach gut 4 Wochen kam endlich die E-Email, dass ich meine Ricoh abholen könne. 649 Euro auf den Tresen gezählt, und ich konnte das Schätzchen mit zitternden Händen nach Hause tragen.

    Ricoh GR II von hinten mit Display und Landschaft auf dem Display
    Brillantes Display, das auch im Sonnenlicht gut ablesbar ist und ein klares Bedienkonzept: Alle wichtigen Funktionen sind bei der GR II direkt erreichbar. Aber wer mit der Belegung nicht zufrieden ist, kann alle Knöpfe auch umbelegen.

    Als ich sie auspackte, war ich doch etwas verblüfft über dieses winzige Etwas. Dieses kleine Ding sollte mit einem APS-C-Sensor ausgestattet sein, sauschnell zoomen und auslösen? Ich konnte es nicht glauben, aber nachdem ich die Betriebsanleitung studiert hatte – Ricoh liefert sie übrigens noch als kleines Buch aus Papier aus – und meine ersten Gehversuche mit dem schwarzen Teil machte, war ich einfach nur begeistert.

    Ricoh GR II von oben mit Streichholzschachtel
    Graziles Gehäuse, alles ist exakt und hochwertig verarbeitet. Der Programmwähler rastet ein und muss mit dem Knöpfchen neben dem Auslöser entriegelt werden. MY1 bis MY3 kann mit selbst konfigurierten Programmen belegt werden.
    Selbst mit Mehrfeld-Autofokus stellt die Kamera schnell und präzise scharf. Das geht außerordentlich leise vor sich, der Verschluss löst mit einem kaum hörbaren Klicken aus. Und so klein alles ist, so exakt und präzise bedienbar ist doch der ganze Fotoapparat. Nur die Belichtungskorrektur verstelle ich manchmal aus Versehen. Vielleicht belege ich die Taste einfach mal um.

    Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich den Sucher vermissen würde. Oder den Verwacklungsschutz. Nichts davon. Das Display mit 1,2 MPixel ist brillant und ausreichend groß, um auch bei Sonnenschein einen guten Überblick übers Motiv zu liefern. Als extrem kurzsichtiger Gleitsichtbrillenträger fühle ich mich mit Display inzwischen wohler als mit einem Prismensucher, so groß und hell er auch sein mag.

    Auf diese Kamera muss man selten warten

    Die GR II ist schnell: Nach dem Druck auf den Einschalter ist sie fast sofort da, fokussiert zügig, die Auslöseverzögerung ist kaum spürbar, die Kamera ist praktisch immer aufnahmebereit und die Bilder werden auch im RAW-Format zügig weggeschrieben. Diese Kraft hat ihren Preis: Mit einem Akku (DB-65) komme ich auf nur etwa 250 Bilder, aber dank günstiger Ersatzprodukte (7 statt 49(!) Euro für das Ricoh-Original) ist das kein Problem.

    RAW-Bilder im APS-C-Format (16 MPixel) legt Ricoh im offenen DNG-Format ab (sehr lobenswert), wobei ich schon von der Qualität der Jpegs begeistert bin. Ein besonderes Gimmick sind dabei die Effektprogramme (Schwarzweiß!), weil sie auch im RAW-Format funktionieren. Geht man z.B. mit der Voreinstellung Hochkontrast-Schwarzweiß auf Tour, speichert die Kamera die Jepgs mit diesem Filter, das DNG enthält aber weiterhin alle Farbinformationen und kann mit einem RAW-Bearbeitungsprogramm beliebig ausentwickelt werden. Sehr clever.

    Lieblingseffekt der Straßenfotograf/innen: Der Filter für Hochkontrast-Schwarzweiß. Macht auch krumpelige Apfelbäume irgendwie interessant.
    Jetzt alle Fähigkeiten aufzuzählen, wäre etwas langwierig. Zum Nachlesen empfehle ich einen Blick auf die deutschsprachige oder englische Ricohseite. Erwähnenswert sind aber noch die Rauscharmut und der große einstellbare Empfindlichkeitsbereich bis ISO25600. 

    Traumhafte Festbrennweite

    Nun der Pferdefuß, der diese Kamera nicht für jeden empfehlenswert macht.  Die GR II hat "nur" eine Festbrennweite von 18,3mm Brennweite, im Kleinbildaquivalent ist das ein Weitwinkel von knapp 28 mm mit einer maximalen Blende von f 2,8. Wer auf Festbrennweiten steht, wird das Objektiv lieben. Wer variabel bleiben will und auf Superzooms steht, sollte lieber eine andere Kamera wählen.

    Ich mag mich jetzt hier nicht fachmännisch ausdrücken, aber Plastizität und Tiefe der Bilder sind so mitreißend schön; machmal ertappe ich mich, wie ich mit dem Finger über den Bildschirm meines Computers streichen möchte, um die Konturen zu erfühlen, die ich da sehe. Wie eine glatt gespannte Leinwand breitet sich das Motiv vor mir auf, ohne Abschattungen, ohne den Schärfeabfall zu den Rändern hin , den manches DSLR-Wechselobjektive bei Offenblende hat.

    Schärfe ist nicht alles – doch mit dieser Optik ist den Objektivbauern von Ricoh ein echtes Meisterwerk gelungen.

    Letzes Leckerli: Die WLan-Anbindung

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich für Spielereien wie die WLan-Funktion der GR II begeistern könnte. Mit einem langen Druck auf die Effekt-Taste wird die Kamera zur Wlanstation und über eine fantastische Browserapp kann man auf ALLE Kamerafunktionen zugreifen - und damit ist die WLan-Funktion definitiv ein echter Mehrwert und kein bloßes Gimmick.

    Screenshot GR Remote app mit  Bildeffekt
    Egal ob Smartphone, Tablet oder Notebook – die App funktioniert auf jedem Rechner. Alles was man braucht, ist ein aktueller Browser. Hier habe ich die verbundene Kamera auf den Bildschirm gerichtet, daher der Bild-im-Bild-Effekt.
    Ich nutze sie, um Bilder von der Kamera aufs Handy zu überspielen und sie von dort auf Instagram zu posten. Aber im Prinzip kann ich jetzt auf den Drahtauslöser verzichten, da die App eine komplette Fernbedienung bietet.

    Das Einzige was ich bis heute nicht verstehe, dass Ricoh auf den deutschen Seiten keinerlei Hinweise auf diese tolle App gibt – ich fand sie erst auf einen Tipp im DSLR-Forum auf der japanischen Ricohseite. Wer sie noch nicht kennt: hier könnt Ihr sie herunterladen:
    http://www.ricoh-imaging.co.jp/english/products/gr_remote/index.html

    Tja, damit beende ich erstmal die länglichen Ausführung zu meiner kleinen Fotoliebe und wünsche euch eine schöne Nacht. 

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